06.08.2026
Für die meisten Unternehmen liegt der überwiegende Teil ihres CO2-Fußabdrucks nicht im eigenen Betrieb. Laut dem CDP Global Supply Chain Report sind die Emissionen in der Wertschöpfungskette eines Unternehmens im Durchschnitt 11,4-mal höher als seine operativen Emissionen aus Scope 1 und 2 zusammen. Trotzdem bleibt genau diese Kategorie für viele Unternehmen ein blinder Fleck in der eigenen Klimabilanz.
Das hat Folgen: Nach ESRS E1 der delegierten Verordnung zu den European Sustainability Reporting Standards müssen CSRD-berichtspflichtige Unternehmen ihre Treibhausgasemissionen über alle drei Scopes offenlegen, sofern sie als wesentlich eingestuft werden. Mit den am 3. Juli 2026 beschlossenen überarbeiteten ESRS ("ESRS 2.0") werden die Lieferketten-Datenpunkte zwar vereinfacht, die Pflicht zur Offenlegung wesentlicher Scope-3-Emissionen bleibt für die verbleibenden CSRD-Unternehmen aber grundsätzlich bestehen.
Was Scope 3 eigentlich umfasst
Scope 3 bezeichnet nach dem Corporate Value Chain (Scope 3) Standard des GHG Protocol alle indirekten Treibhausgasemissionen eines Unternehmens, die weder aus eigenen Anlagen (Scope 1) noch aus eingekaufter Energie (Scope 2) stammen, sondern in der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette entstehen. Das reicht von der Herstellung eingekaufter Rohstoffe über Geschäftsreisen bis zur Nutzung und Entsorgung verkaufter Produkte.
Die Herausforderung: Daten, die nicht im eigenen Unternehmen erzeugt werden
Anders als bei Scope 1 und 2 hat ein Unternehmen bei Scope 3 keinen direkten Zugriff auf die Emissionsquellen. Die Daten liegen bei Lieferanten, Logistikpartnern, Dienstleistern und teils bei den eigenen Kund:innen. Oft über mehrere Zulieferstufen hinweg, mit unterschiedlicher Datenqualität und ohne einheitliche Erhebungsstandards. Das GHG Protocol selbst adressiert das über eine Methodenhierarchie: von lieferantenspezifischen Primärdaten über hybride Ansätze bis zu ausgabenbasierten Schätzungen auf Basis von Einkaufsvolumina, wenn Primärdaten fehlen.
Die EU hat auf genau diese Abhängigkeit reagiert: Mit dem am 3. Juli 2026 beschlossenen Voluntary Standard (VS), der auf dem von der EFRAG vorgeschlagenen VSME-Standard basiert, erhalten insbesondere kleinere Lieferanten ohne eigene CSRD-Pflicht ein standardisiertes, schlankeres Format, um ihre Daten strukturiert an berichtspflichtige Abnehmer weiterzugeben. Das entlastet zwar nicht direkt die Erfassung, verringert aber das Format- und Interpretationschaos entlang der Lieferkette.
Die 15 Kategorien des GHG Protocol
Der Corporate Value Chain (Scope 3) Standard unterteilt Scope 3 Emissionen in 15 Kategorien, acht vorgelagerte (upstream) und sieben nachgelagerte (downstream):
Vorgelagert (Upstream):
1. Eingekaufte Waren und Dienstleistungen
2. Investitionsgüter
3. Brennstoff- und energiebezogene Aktivitäten (nicht in Scope 1 oder 2 enthalten)
4. Vorgelagerter Transport und Vertrieb
5. Im Betrieb entstandener Abfall
6. Geschäftsreisen
7. Pendelverkehr der Mitarbeitenden
8. Vorgelagerte geleaste Vermögenswerte
Nachgelagert (Downstream):
9. Nachgelagerter Transport und Vertrieb
10. Weiterverarbeitung verkaufter Produkte
11. Nutzung verkaufter Produkte
12. End-of-Life-Behandlung verkaufter Produkte
13. Nachgelagerte verleaste Vermögenswerte
14. Franchises
15. Investitionen
Nicht jede Kategorie ist für jedes Unternehmen gleichermaßen relevant. Der Standard sieht deshalb ausdrücklich eine Screening- bzw. Wesentlichkeitsprüfung vor jeder detaillierten Quantifizierung vor. Der erste Schritt ist also nicht Datenerhebung, sondern Priorisierung.
Der Mehrwert einer systematischen Erfassung
Eine belastbare Scope-3-Bilanz liefert mehr als eine Zahl für den Nachhaltigkeitsbericht:
Was Unternehmen jetzt tun sollten
Wie plenum Unternehmen bei der Scope-3-Erfassung unterstützt
Bei plenum begleiten wir Unternehmen seit vielen Jahren in Transformationsprojekten an der Schnittstelle von Business, Regulatorik und IT. Im Risk & Compliance-Team unterstützen wir Unternehmen dabei, ihre Emissionsbilanz belastbar und prüffähig aufzubauen – mit Fokus auf Praktikabilität statt auf eine perfekte, aber unrealistische Vollerhebung aller 15 Kategorien.
Dabei unterstützen wir unter anderem bei:
Unser Ziel ist dabei stets, die Komplexität der Klima- und Nachhaltigkeitsanforderungen in belastbare Entscheidungsgrundlagen und konkrete Handlungsoptionen zu übersetzen. Für Nachhaltigkeit, die einen messbaren Unterschied macht.
Fazit
Scope 3 bleibt für die meisten Unternehmen die größte, aber am wenigsten greifbare Emissionskategorie. Der regulatorische Druck hat sich mit der ESRS-Vereinfachung 2026 verringert, ist aber nicht verschwunden. Der wirtschaftliche Druck aus Lieferketten und Finanzierung bleibt ohnehin bestehen. Wer jetzt eine methodisch saubere, priorisierte Erfassung aufbaut, verschafft sich eine belastbare Grundlage für Klimastrategie, Transitionsplan und die Anfragen der eigenen Geschäftspartner.
Quellenliste:
Greenhouse Gas Protocol: Corporate Value Chain (Scope 3) Accounting and Reporting Standard GHG Protocol – Scope 3 Standard
Greenhouse Gas Protocol: Scope 3 Calculation Guidance GHG Protocol – Calculation Guidance
CDP: Global Supply Chain Report CDP-Webseite
European Commission (2023): Commission Delegated Regulation (EU) 2023/2772 supplementing Directive 2013/34/EU as regards sustainability reporting standards ESRS E1 auf EUR-Lex
Weitere Informationen:
Nachhaltigkeit (ESG) | Sustainability Consulting